Social Media 101: Wer ist meine Zielgruppe, und muss ich die mögen?

Du produzierst Inhalte am laufenden Band, und Dir selbst kommt es vor, als ob Du im Netz omnipräsent bist. Triffst Du jemanden außerhalb Deiner Internet- und Social-Media-Blase, sieht das plötzlich ganz anders aus.

Our Time has Value


Mich hat unlängst jemand wirklich gefragt, ob ich denn irgendetwas über mich und meine Arbeit veröffentlicht habe. Das hat mich sprachlos gemacht. Nur kurz, zugegeben, denn ich dürfte das Alter erreicht haben, von dem VerkäuferInnen Mitte Zwanzig annehmen, man wäre praktisch schon tot. Sonst habe ich eher wenig mit dieser Altersgruppe zu tun, es muss nicht unbedingt etwas mit dem Beruf zu tun haben. Aber wann immer ich in einem Store nach einem Katalog oder Zusatzinformationen frage, bekomme ich IMMER die gleiche Antwort. „Haben Sie Facebook?“ Jo eh, aber: Na, und? Hat ja nichts mit meiner Bitte um kompetente Antworten zu tun. Umgekehrt habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen ab 35 der Meinung sind, SoMe (Soziale Medien) wären Kinderkram, was für Schüler, Arbeitslose, oder Menschen, die beruflich und intellektuell nicht ausgelastet sind. So gesehen ist es nicht überraschend, dass es doch mehr Menschen gibt als man glauben würde, die sich nicht online informieren, bzw. nicht einmal eine Email Adresse verwalten können.

Aber viele dieser Erfahrungen waren doch ein Denkanstoß meine veröffentlichten Fotos und Texte aus einem anderen Licht zu betrachten. Vielleicht ist es gar nicht so aufdringlich und viel, wie mir das selbst vorkommt, und wenn doch, zu anonym, zuwenig plakativ, und vor allem:

Wen spreche ich an?

Da fiel mir etwas auf: Ich spreche nie meine Zielgruppe an.

Da brauchte ich nicht nur kurz um das einmal zu verdauen.

Our Time has Value

Dann kam bei einem Coaching-Gespräch der nächste Schlag.

Auf die Fragen:

  • Was bietest Du eigentlich an?
  • Hast Du ein Produkt?
  • Für wen möchtest Du designen?
  • Für wen willst Du arbeiten?

Auf alle diese Fragen, und noch mehr, hatte ich keine Antworten. Für mich hat mein Leben einen konsequenten roten Faden, den ich zielorientiert seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolge. Das kann auch durchaus sein. Bloß, den Faden sehe nur ich!

Wie das bei nicht ganz eindeutigen Berufen oft so ist, wird die Arbeit falsch verstanden oder auf ein Minimum des Sichtbaren reduziert. Das muss gar kein kreatives Umfeld sein. Man beschäftigt sich einfach nicht mit dem Hintergrund. Man ist an einem Ergebnis interessiert. Das kann zu großen Missverständnissen führen. Und zu wenig bis keiner Wertschätzung, besonders wenn es um Designleistungen geht.

Our Time has Value

Mir persönlich schlugen diese Dinge auf den Magen, und ich habe mich schlussendlich dazu entschieden wieder als Angestellte zu arbeiten. Heute weiß ich, dass das für mich genau die richtige Entscheidung war. Dennoch oder gerade deshalb war es mir wichtig, genau diese Erfahrung zu teilen. Denn ich habe den Eindruck, dass gerade im kreativen Bereich die Runde geht man könne nur ‚Selbstständig‘ sein. Ganz ehrlich. Alle Selbstständigen, ohne Ausnahme, die ich kenne, machen so viele Abstriche um bezahlte Aufträge zu bekommen, oder übervorteilen Andere, und am Schlimmsten: viele verkaufen Ideen Anderer als ihre Eigenen, weil der Preiskampf so hoch ist, und sich ganz wenige leisten können einen Auftrag abzulehnen.

Mich hat auch die Administration, Akquisition, Buchhaltung, das Netzwerken und was sonst so alles dazugehört, in meiner Kreativität vollkommen blockiert. Vor einem Blatt Papier zu sitzen und zu wissen, dass man für das gesamte Projekt nur 2 Stunden in Anspruch nehmen sollte, weil man einen Preis zugesagt hat, bei dem jeder Handwerker sich lachend verabschieden würde (und trotzdem eine Rechnung für die Anfahrt schickt), das wollte ich nicht. Ich bin gerne mein ‚Best Self‘, und liebe es mir für ein Handlettering 2 Wochen Zeit zu nehmen bis ich der Meinung bin, dass man jetzt ein Poster drucken könnte, ein Monat eine Schrift zu üben, oder auch ein Jahr.

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Und weißt Du was? Meine Arbeiten werden wieder viel besser, individueller und man erkennt meine Handschrift. Keine angesagten Farbpaletten mehr, keine stundenlangen Foto-Shootings für Instagram Fotos. Nur ich, meine Ideen, Skizzen und manchmal auch fertige Designs. Wie ich Lust dazu habe. Und meine Freunde (zum Glück nur die auf Instagram) sind alle weg. Mit Recht. Ich habe mich nicht an die Community Regeln gehalten. Und wie heisst es so schön für Gratis-Anbieter wie Foren, Apps und Facebook sowieso?

If you are building on rented land, you have to play by the landlord’s rules.

Und die heissen nicht einen Algorithmus knacken. Früher hätte man Safe knacken gesagt, und wer fand das schon richtig? Die Regeln heißen halte das Rad am Laufen mit Deinem gratis Content, deiner Zeit und halte die Community bei Laune. Natürlich kann daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell werden. Meines aber nicht.

Our Time has Value

Und deshalb wird es hier und auf meinen beiden anderen Domains wieder Persönlicheres zu lesen geben. Selten. Und nur dann, wenn ich Zeit und Lust habe, und tatsächlich etwas zu sagen habe.

„Let’s make some Noise“ war ein cooler MTV Slogan in den 90ern, da habe ich auch gerne richtig laut mitgemacht. Heute habe ich es gerne leise, dafür mit Qualität und Rückgrat.

Und am Ende noch etwas zu dem Titelbild: Our Time has Value. 

Das ist eine Instagram-Initiative eines Künstlers, der unglaublich erfolgreich selbstständig ist, und dennoch am Boden geblieben, und immer mit wertvollen Tipps und Rat jedem zur Seite steht, der auch eine ernsthafte Frage hat. Aber eines sagt er ganz klar:

Verkauf Dich nicht unter Wert!

Mehr dazu findest im Netz unter dem Hashtag #ourtimehasvalue von James Lewis, der auf meiner Inspirations-Liste natürlich nicht fehlt.

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